Archiv für April, 2010

April 19, 2010

Leben: Alles Bio, alles Birne

Foto: istock

Sie versteckt sich in Nebensätzen. Zuerst erwirkt sie ein Stirnrunzeln, einen Anflug von Verärgerung. Jedenfalls trifft sie einen Punkt, piekst etwas an, das sich ausbreitet wie Hefeteig. Da geht etwas auf. Aus einer Bemerkung wird etwas Bemerkenswertes.

„Ich könne mir dich als Birnbaum vorstellen.“

Einige Führungskräfteseminare sind meines Erachtens kaum von Bewegungsspielen in Kindergärten zu unterscheiden. „Heute sind wir ein großer Baum. Der Wind bewegt unsere Blätter – hui. Und jetzt schüttelt er uns so doll, dass all unsere Äpfel und Birnen und Pflaumen ins weiche Gras fallen.“ Genau. Ein Hoch der generationenübergreifenden Pädagogik und zurück zum Birnbaum.

Als Kind kletterte ich mit Vorliebe auf einen großen Fliederbusch, der im Garten meines Elternhauses gegenüber dem Birnbaum stand. Oma und Opa lebten ebenfalls hier und hatten sich, ihrer Zeit weit voraus, dem biologischen Ackerbau verschrieben.
Die Salatköpfe, Gurken, Kohlrabi, Bohnen, Erbsen, Kartoffeln, Äpfel, Pflaumen und Birnen meiner Kindheit waren BIO. Das bedeutete, sie hatten Würmer und Schnecken. Sie lebten mehr als mir lieb sein konnte.

Die Bäume meiner Kindheit waren gestandene Obstbäume, die sich auf einer Wiese hinter dem großen Wohnhaus verteilten. Ganz hinten stand der Walnussbaum. Vorne der Birnbaum. Seine Früchte waren groß, süß und saftig. Sein Fruchtfleisch zerging auf der Zunge. Das Hineinbeißen war sinnliches Vergnügen, ein Verschmelzen mit der Frucht. Damals kochte man übrigens noch ein, was zu köstlichem Kompott führte und zu Rumtöpfen, die dunkle Wintertage zu humorigen Lichterfesten werden lassen konnte.
Birnenkompott gewürzt mit Zimtstangen und Nelken. Der Saft fast sämig von Süße spritzte aus dem Glas, sobald man an dem Gummiband zog und die Druckverhältnisse sich veränderten.

Na gut. Aber ich will trotzdem keine Birne sein.
„Sind Sie ein Apfel- oder Birnentyp?“ ist ein beliebtes Testthema in Frauenzeitschriften, das sich mit der Form weiblicher Hinterteile beschäftigt. Niemand möchte eine Birne sein. Und niemand möchte einen Birnenhintern haben. Ich auch nicht.
„Trainieren Sie sich zum Apfeltyp.“ „In nur 6 Wochen zum knackigen Äpfelchen.“
Birne? Birnbaum? Google!
„Die Birnen (Pyrus) bilden eine Pflanzengattung, die zu den Kernobstgewächsen in der Familie der Rosengewächse (Rosaceae) gehört.“
Rose klingt immerhin schon eleganter als Birne. „Sind Sie ein Rosentyp?“ Klar.
Und dann wird es noch besser.
„Das deutsche Wort „Birne“ (ahd. bira, mhd. bir, auch bire) ist ein sehr altes Lehnwort aus dem Lateinischen. Lat. pirum und die wohl verwandte griechische Bezeichnung ἃπιον (ápion) sind wiederum letztlich wohl aus einer vorindogermanischen Mittelmeersprache entlehnt. Die wissenschaftliche Schreibung pyrus geht auf eine antike Volksetymologie zurück, die das Wort mit gr. πύρ (pýr) „Feuer“ in Verbindung brachte.“
Feuer-Birne. Birnen-Feuer. Schon besser. Ja, ich bin eine Feuerbirne!
Ich erfahre weiter, dass Birnen ein säurearmes und besonders süßes Obst sind, und somit für Menschen mit säureempfindlichen Mägen besonders geeignet. Eisen, Kalium und Phosphorgehalt sorgen für pures Leben und die Stärkung des Nervensystems. Na bitte.
Die vollkommene Versöhnung mit dem Vergleich zu einem Birnbaum findet statt, als ich lese, dass das Holz des Birnbaumes ein sehr gefragtes im Möbelbau ist und in seinen Qualitäten dem des Ebenholzes gleich kommt. „Rot wie Blut, weiß wie Schnee, schwarz wie Ebenholz.“ Birnenschneewittchen!
Fein und ebenmäßig kommt es daher und bekommt im Alter eine sehr schöne dunkelbraune, bernsteinartige Färbung. Außerdem hat es kaum sichtbare Jahresringe! Falten und Altersflecken in poetischem Gewand. Das alles kann die Birne.
Alles Bio, alles Leben. Der Mensch gehört zum großen Ganzen . Wenn ich das nächste Mal in eine Birne beiße hat sich die Art, wie es tue vielleicht ein wenig verändert, denn wenn Teile der Birne in mir sind, so hat sie vielleicht auch menschliche Eigenschaften. Wer weiß das denn schon so genau?

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